Stoschek Collektion

ROBERT BOYD, XANADU 2006
4-Kanal-Videoinstallation, Farbe, Ton, "22.00

NUMBER ONE: "DESTROY, SHE SAID"

18.06.2007 - 02.08.2008

Die Julia Stoschek Collection ist eine private Sammlung zeitgenössischer Kunst mit dem Schwerpunkt Medien und Videokunst, Installation und Fotografie.

Ihre neue Heimat findet die Sammlung in den ehemaligen Produktionsstätten der Rahmenfabrik Conzen. Das Gebäude, das in diesem Jahr 100jähriges Jubiläum feiert, wurde hierfür vom Architekturbüro Kühn Malvezzi durch alle Geschosse hindurch auf die besonderen Anforderungen der Sammlung hin konzipiert.
"Die räumliche Intervention schafft einen Neubau im bestehenden Haus: das Anheben des Dachs, neue Skylights und eine Dachplattform darauf setzen ein weithin sichtbares Zeichen. Die neue Nutzung als bewohnbarer Kunstspeicher und Ausstellungsort wird durch eine Vertikalisierung des Gebäudes erreicht. Ein großer Deckendurchbruch verbindet die beiden Hauptausstellungsräume, eine filigrane Treppenkonstruktion erschliesst den Luftraum des geräumigen Dachgeschosses bis zur Dachplattform 23 Meter über dem Boden. Der Weg hinauf und hinab ist der Schlüssel zur neuen Architektur, die weniger Objekt als Parcours ist - eine Wahrnehmungsfolge vom dunklen zum hellen Raum, die mit dem kleinen Kino im Erdgeschoss beginnt, sich durch zwei unterschiedliche Ausstellungsgeschosse fortsetzt und dann in das lichtdurchflutete 12 Meter hohe Dachgeschoss führt". (Wilfried Kühn, Kühn Malvezzi)

Zur öffentlichen Präsentation stehen der Julia Stoschek Collection im neuen Domizil zwei Ausstellungsgeschosse zur Verfügung. Für die Eröffnungsausstellung mit dem Titel Destroy, she said hat Julia Stoschek ca. 40 internationale künstlerische Positionen zusammengestellt, die sich vornehmlich mit den Themen Konstruktion/ Dekonstruktion, Innenraum/ Aussenraum beschäftigen.

Der Ausstellungstitel Destroy, she said ist vielleicht durch den gleichnamigen Roman von Marguerite Duras (franz. Destruire, dit elle) bekannt, verdankt sich aber vor allem der zweiteiligen Videoinstallation von Monica Bonvicini Destroy She Said aus dem Jahr 1998, die in Filmausschnitten aus Autorenfilmen der 50-70er Jahre die Rolle der Frau in diesen Filmen thematisiert. Auch zur Hochzeit des Feminismus werden die Frauen hier vor allem alten Klischees folgend als hilflose Wesen dargestellt.
Die Arbeiten in der Ausstellung beschäftigen sich folgerichtig mit räumlichen, psychologischen und zwischenmenschlichen Ausnahmezuständen. Darüber hinaus sind in den einzelnen Geschossen Arbeiten zu untergeordneten Fragestellungen und Themen zusammengefasst, um einzelne Aspekte einerseits zu verstärken und andererseits die Offenheit von Destroy, she said zu erweitern.

Destroy, she said impliziert zunächst den Gestus der Zerstörung. Dieser Aspekt findet sich in vielen Arbeiten wieder. Beispielhaft für die Zerstörung von Innenräumen und Strukturen sind die Arbeiten Shades of Destructors von Mark Leckey, oder auch Hammering Out (an old argument) von Monica Bonvicini. In der Arbeit Burn des Künstlerduos Reynold Reynolds & Patrick Jolley ist es das Feuer im trauten Heim, das als zerstörerisches Element eine absurde und beängstigende Atmosphäre schafft.

Die Arbeit Empire von Paul Pfeiffer dagegen dokumentiert in drei Monaten Echtzeit die mühevolle Arbeit von Wespen an ihrem Nestbau und thematisiert somit den Aspekt der Konstruktion, wie auch den der Effektivität in klar hierarchischen Ordnungen.
Die dreiteilige Installation von Tony Oursler im Eingangsbereich hingegen lässt urbane Innen- und Aussenräume so komplex miteinander in Dialog treten, dass die bekannten Regeln und Zuweisungen wie Innen und Aussen in diesem Haus im Haus aus dem Gleichgewicht kommen.

Zum Gestus der Zerstörung tritt im Falle der Arbeiten von Robert Boyd oder Adam McEwen ein Gefühl der tiefgreifenden Verstörung. Robert Boyd zeigt in seiner Vierkanal-Videoinstallation Xanadu die selbstzerstörerischen Impulse unserer Gesellschaft, indem er verschiedene Elemente der Massenkultur wie Nachrichten, Dokumentationen Comics und Popmusik verdichtet und zu einer sekundenschnellen Bilderfolge der grauenhaft zufälligen Schnittstellen unserer Medienwirklichkeit aneinanderreiht, in der zwischen Unterhaltungs-, Informationswert und Horror kaum mehr unterschieden werden kann.
Die Arbeit A-Line von Adam McEwen stellt dann buchstäblich die Welt auf den Kopf. Gezeigt werden die erhängt zur Schau gestellten Leichname von Benito Mussolini und Clara Petacci vor einer Tankstelle an einem Platz in Mailand.

Zentrale Arbeit im zweiten Ausstellungsgeschoß ist die Mehrkanalinstallation Interiors von Doug Aitken. Auf drei transluzenten Leinwänden werden die scheinbar unvereinbaren Geschichten verschiedener Personen geschildert, die sich durch Innenräume und urbane Landschaften bewegen. Eine Steigerung erfährt dieses Gefühl von Orientierungslosigkeit durch die Arbeiten von Anthony Burdin, dessen Protagonist in Desert Mix den Betrachter durch bizarre Gegenden führt.

Ein weiterer Aspekt der Ausstellung thematisiert räumliche Abgrenzung und Ausgrenzung. Beispielhaft hierfür stehen Thomas Demands Fence und Taryn Simons Arbeit Calvin Washington aus der Fotoserie The Innocents aus dem Jahre 2002, die unschuldig zum Tode Verurteilte an ihren vermeintlichen Tatorten zeigt.

Unter dem Thema Circular Moves werden eine Reihe von Arbeiten gezeigt, die sich der Kreisbewegung widmen. Relation in Movement von Marina Abramovic, High Performance von Aaron Young, aber auch Anthony McCall mit Line describing a cone. McCall projiziert dabei mit Hilfe eines 16mm Kinoprojektors Licht auf eine schwarze Fläche, das durch den Gebrauch einer Nebelmaschine als langsam entstehender, perfekter Lichtkegel sichtbar wird. Der Kinoraum und damit das Prinzip Projektion wird gewissermaßen zur Skulptur, die das klassische Verhältnis von Betrachter und Kinoprojektor auflöst.

Im Anschluss an Destroy, she said ist geplant, in regelmäßigen Abständen immer wieder neue Aspekte der Sammlung zu präsentieren.

Künstlerliste

Marina Abramovic/ Ulay

*1946 in Belgrad.
Lebt und arbeitet in New York.

Doug Aitken

*1968 in Redondo Beach / Kalifornien.
Lebt in New York und Los Angeles.

Francis Alÿs

*1959 in Antwerpen.
Lebt und arbeitet in Mexiko City.

Heike Baranowsky

*1966 in Augsburg.

Monica Bonvicini

*1965 in Venedig.
Lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles.

Robert Boyd

*1969.
Lebt in New York.

Anthony Burdin

Lebt und arbeitet in Californien.

Jeff Burton

*1963 in Anaheim, Californien.
Lebt und arbeitet in Los Angeles, Californien.

Lonnie van Brummelen

*1969.
Lebt und arbeitet in Paris.

Paul Chan

*1973 in Hong Kong.
Lebt und arbeitet in New York.

Thomas Demand

*1964 in München.
Lebt in Berlin.

Olafur Eliasson

*1967 in Kopenhagen.
Lebt und arbeitet in Kopenhagen und Berlin.

Dara Friedman

*1968 in Bad Kreuznach, Deutschland.
Lebt in Miami.

Kate Gilmore

*1975 in Washington.
Lebt in New York.

Douglas Gordon

*1966 in Glasgow.
Lebt in Glasgow und New York.

Manuel Graf

*1978 in Bühl, Deutschland.
Lebt in Düsseldorf.

Dan Graham

*1942 in Urbana/ Illinois.
Lebt in New York.

Jeppe Hein

*1974 in Kopenhagen.
Lebt in Kopenhagen und Berlin.

Christian Jankowski

*1968 in Göttingen.
Lebt in Berlin, Hamburg, New York.

Joan Jonas

*1936 in New York.
Lebt in New York.

Mark Leckey

*1964 in London.

Klara Liden

*1979 in Stockholm.
Lebt in Stockholm.

Gordon Matta-Clark

*1943 in New York, †1978 in New York.

Anthony McCall

*1946 St. Paul’s Cray/ England.
Lebt in New York.

Adam McEwen

*1965 in Großbritannien.
Lebt in New York.

Bruce Nauman

*1941 in Fort Wayne/ Indiana.
Lebt in Galisteo/New Mexico.

Tony Oursler

*1957 in New York.
Lebt und arbeitet in New York.

Paul Pfeiffer

*1966 in Honululu, Hawaii.
Lebt und arbeitet in New York.

Thiago Rocha Pitta

*1980 in Tiradentes, Brasilien.

Pipilotti Rist

*1962 in Grabs, Schweiz.

Reynold Reynolds & Patrick Jolley

* in USA. Lebt und arbeitet in New York und Berlin.
*1964 in Irland. Lebt und arbeitet in London.

Natascha Sadr Haghighian

*1967 in Giessen.
Lebt und arbeitet in Berlin.

Taryn Simon

*1975 in New York.

Robert Smithson

*1938 in Passaic, New Jersey.
† 1973.

Mathilde ter Heijne

*1969 in Strasburg, Niederlande.
Lebt und arbeitet in Amsterdam und Berlin.

Kon Trubkovich

*1979 in Moskau, Russland.
Lebt in New York.

Bill Viola

*1951. Lebt in Kalifornien.

Clemens von Wedemeyer

*1974 in Göttingen.
Lebt in Berlin und Leipzig.

Aaron Young

*1972 in San Francisco.