Pressemitteilung
25.09.2008
Mit dem Titel Number Two: Fragile präsentiert die Julia Stoschek Collection die zweite Ausstellung aus dem privaten Sammlungsbestand von Julia Stoschek.
Hauptthema der Ausstellung ist der Aspekt der Körperlichkeit in Video, Installation und Fotokunst, mit der vor
allem Künstler der Body-Art und Performance Kunst seit den 60/70er Jahren experimentieren.
Selbstinszenierung, Schmerz, Transformation, Körperhaftigkeit im Sinne einer Plastizität, die als reale, äußere
Form erfahrbar wird, aber auch Zerbrechlichkeit im buchstäblichen Sinne sind wesentliche Schwerpunkte, die
in der Auswahl der 54 Arbeiten beleuchtet werden sollen. Die insgesamt 30 Künstler können dabei innerhalb
der Ausstellung auch als Einzelpositionen wahrgenommen werden, da zumeist mehrere Arbeiten eines
Künstlers vorgestellt werden.
Einen besonderen Stellenwert in der Ausstellung nimmt die künstlerische Selbstinszenierung ein.
In der 1967 entstandenen Performance-Dokumentation Art-Make-Up von Bruce Nauman wird in einem Akt
der Verfremdung gezeigt, wie der eigene Körper zur Skulptur wird.
In den ursprünglich als 16-mm-Film aufgezeichneten Videos, ist die Kamera frontal auf den Oberkörper
gerichtet, welcher in einem minutiösen Prozess in vier verschiedenen Farben (weiß, pink, grün und schwarz)
„maskiert“ wird.
Die technische Weiterentwicklung des Films bzw. Videos in den 60er Jahren machte es den Künstlern mit
dem Verfahren der „Close-Circuit“-Installationen möglich Aktionen auf Film aufzuzeichnen, sich im Spiegel
selbst zu betrachten und gleichzeitig sogar in einen anderen Raum zu übertragen. Weitere Künstler der
Ausstellung, wie Vito Acconci oder auch Hannah Wilke nutzten diese Möglichkeiten im Sinne eines
erweiterten Skulpturbegriffs.
So demonstriert Hannah Wilke in einer ihrer bekanntesten Performances Hannah Wilke Through the Large Glass einen Striptease hinter Marcel Duchamps Grosses Glas im Philadelphia Museum of Art. Sie posiert für die Kamera und stellt wie ein Fotomodel der 70er Jahre klischeehaft die Rolle der Frau in der damaligen Kunstszene zur Schau.
Auch in der großformatigen Fotoserie Die Sonne um Mitternacht schauen von Katharina Sieverding aus dem Jahre 1973 oder der Performance The Onion von Marina Abramovic aus dem Jahre 1996 ist die Selbstdarstellung der Frau als Künstlerin und gleichzeitiges Kunstobjekt zentrales Thema. In der Arbeit von Marina Abramovic wird darüber hinaus die Erfahrung des Schmerzes suggeriert und die Grenzen der eigenen physischen Belastbarkeit ausgelotet.
Gleichsam schmerzhaft und schockierend sind die Performances von Chris Burden, die ein regelrechtes Martyrium des Künstlers dokumentieren. In der legendären Arbeit Shoot (1971), ließ sich Burden in den Arm schiessen, in Through the Night Softly von 1973 windet er sich nackt, mit verbundenen Armen gequält aus einem Scherbenhaufen.
Von besonderer Bedeutung in Number Two: Fragile ist die Killing Machine von Janet Cardiff und Georges Bures Miller aus dem Jahre 2007. Die Installation ist eine höchst kritische und zugleich absurde Auseinandersetzung mit der Todesstrafe und inhaltlich angelehnt an die Erzählung „In der Strafkolonie“ von Franz Kafka. Anders als in früheren Arbeiten des Künstlerpaars steht nicht der Film im Vordergrund, sondern ein an den Elektrischen Stuhl erinnerndes Folterinstrument, das in einem abgeschlossenen Raum, begleitet von schriller Violinenmusik den Besucher zum Zuschauer eines Horrorszenarios macht.
Paul Chans digital animierte Videoinstallation im Breitbandformat Happiness (finally) after 35,000 Years of Civilization (after Henry Darger and Charles Fourier) führt eine radikale politische Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft fort. In seiner apokalyptischen Vision entwickelt sich eine scheinbar naive Paradiesvorstellung zu einem Schreckensszenario in Videospielästhetik, formal angelehnt an die Bildsprache des Amateurzeichners Henry Darger.
Ein weiteres Hauptwerk der Ausstellung bildet die Installation von Terence Koh. Die Installation Snow White (engl. für Schneewittchen) ist eigens für die Ausstellung Number Two: Fragile gestaltet worden. Kern der Arbeit sind die als Kubus von der Decke herabhängenden Neonröhren, die es durch die Blendung des Lichts dem Besucher fast unmöglich machen werden, den Raum überhaupt zu betreten. Ein gläserner Sarg und Chrysanthemen aus Porzellan, sowie eine Live-Performance, die in eben diesem Raum aufgezeichnet wird, komplettieren das „märchenhafte“ Szenario in Anlehnung an eine Oper.
Die Arbeiten Cheese (2007) und Dough (2005/06) von Mika Rottenberg sind erstmals zusammen in einer
Ausstellung zu sehen. In einem roh gezimmerten, begehbaren „Ziegenstall“ präsentiert die Künstlerin ihre
jüngste Arbeit Cheese. Sechs Schwestern mit rapunzelartig langen Haaren sind die Hauptpersonen, die die
magischen Kräfte von Mutter Natur besitzen und aus ihren Haaren Käse herzustellen vermögen.
Wie in ihrer Arbeit Dough ist das zentrale Motiv die Auseinandersetzung mit globalen Topics, wie Ökonomie
oder Arbeit im postindustriellen Zeitalter. Produktionsabläufe werden mit einer poetischen Bildsprache ad
absurdum geführt, der weibliche Körper wird als energetischer Teil dieser Prozesse einbezogen und der
Betrachter in eine höchst eigentümliche, aber vertraute Welt entführt.
Ausserdem in der Ausstellung vertreten sind Peggy Ahwesh, Walead Beshty, Björk (Enzyclopedia Pictura), John Bock, Patty Chang, Jen DeNike, Nathalie Djurberg, Cheryl Donegan, Kate Gilmore, Douglas Gordon, Cao Guimarães, Alex McQuilkin, Nandipha Mntambo, Lutz Mommartz, Rob Pruitt, Adam Putnam, Pipilotti Rist, Tjorbørn Rødland, Rosemarie Trockel und Aaron Young.
Für weitere Informationen zur Julia Stoschek Collection und zur Ausstellung stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
Begleitend zur Ausstellung wird im Frühjahr 2009 ein Katalog im Hatje Cantz Verlag erscheinen.
