Der spezifische Charakter der Sammlung überträgt sich auf den Raum ihrer Ausstellung: die Architektur der auf Installationen und zeitbasierten Arbeiten ausgerichteten JULIA STOSCHEK COLLECTION erzeugt Narrativen, die sowohl das Verhältnis von Innen und Außen als auch die Raumfolge selbst charakterisieren. Zwischen dem Kinoraum im Untergeschoss und der Dachplattform oberhalb des neuen Attikageschosses spannt sich eine Folge von Erfahrungen, die vom geschlossenen zum offenen und vom dunklen zum hellen Raum verläuft. Ein Medienmuseum ist keine Black Box, im Gegenteil: die raumzeitlichen Arbeiten fordern die Architektur heraus als Gegenüber, das ebenso präsent wie diskret Form und Halt gibt, unterschiedliche Raumerfahrungen ermöglicht, aber nicht durch Materialität und Oberflächen auffällt. Die Modulierbarkeit der Lichtintensität wird ermöglicht durch eine Raum-im-Raum-Konstruktion in den beiden Ausstellungsebenen, die variable Öffnungen der inneren Schale gegenüber der befensterten Außenhülle erlaubt und in einem Fall zum Ort einer künstlerischen Intervention wird: durch Olafur Eliasson wurde eine Wandschale als Folge von Kaleidoskopen in die dauerhafte In-Situ-Arbeit „When Love Is Not Enough Wall“ (2007) transformiert, die den Blick aus dem verschlossenen Raum in die Umgebung thematisiert.

Das Bauwerk von 1907 ist mit seiner Stahlbeton-Skelettbauweise sowie Dachkonstruktion aus Polonceauträgern einerseits und der gleichzeitigen Verwendung monumentaler Elemente wie symmetrischen Türmen in der Giebelfront andererseits, ein Denkmal frühmoderner Industriearchitektur. Durch die Vielzahl der Nutzungen in seinem 100jährigen Bestehen legt das Gebäude eine Entwicklung der Produktionsverhältnisse offen und schreibt eine Gewerbegeschichte des 20. Jahrhunderts: Es war bis 1945 nacheinander Bühnenwerkstatt, Motoren- und Leuchtmittelfabrik, Produktionsstätte von Damenkorsetts wie von Matratzen, Fabrikationsort der Metall- und Holzindustrie unter anderem auch für Kriegszwecke, und seit der Nachkriegszeit Bilderleistenfabrik des Düsseldorfers F.G. Conzen.

Der Umbau im Jahr 2007 stärkt das Bauwerk in seiner generischen, nutzungsoffenen Anlage, um gleichzeitig eine klare typologische Intervention für die zeitgenössische Nutzung als Kunstspeicher und Ausstellungsraum vorzunehmen. Durch Rückbau kleinteiliger Einbauten und Freilegung der Skelettstruktur aber auch durch den Erhalt von ursprünglichen Treppenhäusern und Stahlfenstern wird die Raumcharakteristik des Hauses sichtbar gemacht. Gleichzeitig erfährt das Bauwerk mit dem zeitgenössischen Dachaufbau an der Stelle der ehemaligen Firmenschriftzüge eine architektonische Aktualisierung, die der neuen Nutzung entschieden Ausdruck gibt und sich der Stadt zuwendet: das Gebäude wird von weitem sichtbar und erlaubt umgekehrt den Blick von der Dachplattform in die Weite der Stadtlandschaft.

Wilfried Kuehn

Kuehn Malvezzi

Kuehn Malvezzi wurde 2001 von den Architekten Simona Malvezzi, Johannes und Wilfried Kuehn in Berlin gegründet. Mit der architektonischen Gestaltung der Documenta 11 in Kassel (2002), der Erweiterung des Berliner Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof für die Friedrich Christian Flick Collection (2004), der JULIA STOSCHEK COLLECTION in Düsseldorf (2007) und Umbauten des Skulpturenmuseums Liebieghaus in Frankfurt am Main (2008) und des Belvedere in Wien (2009) zählen Kuehn Malvezzi zu den führenden Architekten im Bereich Ausstellungs- und Museumsbau. Ihr mit einem Sonderpreis ausgezeichneter Entwurf für das Berliner Humboldtforum stellt einen viel diskutierten Beitrag zur Rekonstruktionsdebatte dar, indem es das Berliner Schloss als Prozess und öffentliches Display thematisiert. Die Arbeit von Kuehn Malvezzi wurde international in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter im Deutschen Pavillon der 10. Architektur-Biennale in Venedig. 2009 erhielten Kuehn Malvezzi den Deutschen Kritikerpreis. www.kuehnmalvezzi.com

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